An den Storchschnabel

Storch, Storch, Steiner!
Mit den langen Beiner,
Flieg mir in das Beckerhaus,
Hol mir ein warmen Weck heraus!

Ist der Storch nit ein schönes Thier,
Hat einen langen Schnabel und säuft kein Bier.


Achim von Arnim



Der Hase und der Storch

Bei einem Sumpfe nährt' ein Hase sich von Gras.
Drob ärgert sich ein Storch, der dorten Frosche aß.
So mancher Mensch sich beim Genüsse kränkt,
Daß andern Menschen auch das Glück was schenkt.


Ignaz Friedrich Castelli.




Storch und Spatz

Es hat der Storch sein Nest gebaut;
Und als er froh umher nun schaut,
Hoch über allen Häusern,
Da sitzt vor ihm ein kleiner Spatz
Und bittet um ein wenig Platz
Zum Nestchen in den Reisern.

Da spricht der Storch: Mein Nest ist groß,
du bist ein kleines Vöglein bloß,
ich tu dir nichts zuleide,
du bist in gutem Schutz bei mir,
kein Mietgeld nehme ich von dir,
´s Platz da für uns beide.

Das Spätzlein dankt und baut sich an
Der Storch hat ihm kein Lied getan
Und hat ihn nicht verstoßen.
So wohnten beide lange Zeit
In Frieden und in Ewigkeit
Der Kleine bei dem Großen.


Karl Enslin



        

Beruf des Storches

Der Storch, der sich von Frosch und Wurm
An unserm Teiche nähret,
Was nistet er auf dem Kirchenturm,
Wo er nicht hingehöret?

Dort klappt und klappert er genug,
Verdrießlich anzuhören;
Doch wagt es weder alt noch jung
Ihm in das Nest zu stören.

Wodurch - gesagt mit Reverenz -
Kann er sein Recht beweisen,
Als durch die löbliche Tendenz
Aufs Kirchendach zu . . .


Johann Wolfgang von Goethe




          

Der zurückgekehrte Storch

Der Winter zögernd schwindet hin;
Nun prangt der Storch dort beim Kamin.
Schon klappert er von stolzer Höh‘
Und steht in seinem Kleid, wie Schnee,
Mit Flügeln, schwarz, wie Ofenruß,
Doch schon auf lenzig rotem Fuß.


Karl Mayer, 1849





Verwundeter Storch

War jemals eine Trauer so wie die?
Schwieg Trauer-Totenstarre jemals so? Nie, nie
Hockt Hiob Aussatz bergend unterm Schurz
Mit solchem Schweigen neben Schutt und Sturz.
Nur dieser Storch ist Trauer. Wie er steht
Auf dem gefärbten Fadenbein! Er dreht
Den Hals hinab. Und waagrecht leidend spürt
Des Schnabels Adel Erde, die er nicht berührt.
So starrt der Storch da schief und weggewandt
Von Frosch und Wurm, die hinhält eine Hand.
Und nur die lahme Flügel-Schulter zuckt,
Wie am Schafott sich armer Sünder duckt.
Doch dies ist kaum ein Blinzeln, das sich regt,
Reglos steht er ins Ewige bewegt.

Kann so ein Auge trauern? Ungetrost
Ein glimmend schwarzer Stein und tränenlos?
Dem nie ein Lid mehr den Verlust verschließt,
Den es nicht oben und nicht unten liest,
Ins Fremde schauend, wo kein Aug' mehr sieht,
Doch schauender erkennt: »Kein Flug geschieht
Mit langem Schlagen mehr. Kein Flug, kein Flug,
Da ausgespannte Kraft gebogene Grazie trug
Der Beine unterm Schwung. Und auch das Reich
Durchstelzt durchnickt mein Bild nicht mehr am Teich ...«
War jemals dieser eine Trauer gleich?
Und starrte je ein Wesen so wie dieser Sohn
Ägyptens, Fürst am Pharaonen-Thron?
Wie dieser Storch, der abwärtshalsend starrt
Unregsam in die fremde Gegenwart,
In rosa Fiebernebel, wo er sah
Der Isis Feuer und den Rauch des Ptah!


Franz  Werfel

 


Der Storch

Dem Storch will ich ein Loblied singen,
Obgleich in kalter Winternacht
Er einst mich durch die Feueresse
Als „kleines Brüderchen" gebracht.

Wie unbedachtsam, durch die Esse! —
Stieß ich an einen Schinken an,
So hätt' ich schon mein Fett bekommen
Noch eh' das Maul ich aufgetan.

Ich konnte angeräuchert werden,
Noch eh' ich mit der Welt im Kampf,
Und dies nicht etwa so allmälig.
Nein, Alles dieses gleich mit Dampf.

Jedoch, dies soll mich nicht genieren,
Es sei dem Storch mein Lob geweiht,
Der schon beim Bau der Pyramiden
Stand im Geruch der Heiligkeit.

Seht an die langen Fortschrittsbeine,
„Vorwärts!" ist seine Losung ja,
In Deutschland, wie dort überm Meere
Am Nilgestad' zu Afrika.

Obgleich er einen großen Schnabel
Ist er kein Räuber doch und Dieb,
Er nimmt mit einem quak'gen Frosche
Und einer Nassermaus verlieb.

Beständig ist er auf dem Dache
Und Reiselust sein erst Gefühl,
Heut' storcht er noch am freien Rheine
Und übermorgen an dem Nil.

Die Wissenschaft hat er bereichert,
Denn es ist dies gescheite Tier
Wie die Ägyptier erzählen:
Ja der Erfinder vom Klistier.

Er ist nicht stolz auf die Verdienste,
Der Hochmut hat ihn nie betört,
Obgleich das Klappern wie bekanntlich
Bei ihm zum Handwerk mit gehört.

Ach! hätt' ich einen solchen Schnabel,
Ihr solltet Allesamt erschau'n,
Wie ich damit so manchen Schreier
Dann wollte in die Pfanne hau'n.

O, könnt' ich Kröten, Molch und Schlange
So schnell wie er, dem Tode weihn,
Dann wünschte ich der Storch der Störche
Im deutschen Vaterland zu sein.


Theodor  Drobisch

























 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 






























 

 


Aktualisiert am: 28.08.2019



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